Es ist noch nicht vorbei
Seit über 20 Jahren begeht das Schlossgymnasium den Holocaust-Gedenktag am 27. Januar, dem Jahrestag der Befreiung von Auschwitz-Birkenau, dem berüchtigtsten und größten Vernichtungslager des nationalsozialistischen Deutschlands.
Schülerinnen und Schüler, die am Dienstagmorgen vor Unterrichtsbeginn zum Haupteingang laufen, bleiben vor den brennenden Kerzen stehen, die an mehreren Stellen in Form eines Davidsterns auf dem Boden angeordnet sind und zum stillen Innehalten auffordern.
Für die neunten Klassen findet in der ersten Doppelstunde kein regulärer Fachunterricht statt, sondern sie nehmen in der Mensa Platz, wo es auch dieses Jahr den Fachschaften Geschichte und Religion gelingt, den lokalen Bezug zum für manche so weit entfernten nationalsozialistischen Massenmord herzustellen.
Shmuel Danzyger überlebte das Grauen in Auschwitz nur um etwas mehr als ein Jahr und wurde am 29. März 1946 in Stuttgart von der Polizei erschossen. Der tragische Tod des Überlebenden wirft ein Licht auf die Zustände in Deutschland nach 1945, als die Opfer des Nationalsozialismus sich auch nach Ende des Krieges noch nicht in Sicherheit wähnen konnten.
Danzyger war einer von rund 10 Millionen Displaced Persons (DPs) in Deutschland. Zu diesen gehörten beispielsweise KZ-Häftlinge, ehemalige Zwangsarbeiter und Kriegsgefangene. Diese Menschen wurden in Wohnungen untergebracht, die von der Militärregierung der Alliierten konfisziert worden waren, und lebten somit inmitten ihrer deutschen Nachbarn. Aber nicht allein die Tatsache, dass manche deutschen Familien ihren Wohnraum für diese Displaced Persons hergeben mussten, sorgte für Verstimmung, sondern vor allem auch der Umstand, dass diese Personen von den amerikanischen Besatzern mit Luxuswaren wie Kaffee, Schokolade und Zigaretten versorgt wurden. Konsumgüter also, die auf dem blühenden Schwarzmarkt viel Geld einbrachten.
Am 29. März 1946 findet in Stuttgart eine Razzia durch die deutsche Polizei statt, deren genaue Hintergründe nie geklärt werden konnten. Was allerdings durch sehr viele Zeugen bestätigt wird, ist, dass die Polizei Displaced Persons in Handschellen abführen lässt und dass sich die Bewohner der Wohnungen dieses nicht ohne Protestbekundungen gefallen lassen wollen und die Polizei zurückdrängen. Für viele Displaced Persons wiederholt sich ein Trauma: Dieselben Hunde, dieselben gebrüllten Befehle von Uniformierten und wieder werden sie gefangengesetzt. Als dann die Polizei das Feuer auf die Unbewaffneten eröffnet und dabei 40 Schüsse abgibt, wird Shmuel Danzyger tödlich getroffen und stirbt sofort. Die Razzia wird fortgesetzt und Personen, die sich an Danzygers Leiche aufhalten, werden mit Waffen und Hunden bedroht.
Dr. Jonas Takors erläutert, dass es bei der sich anschließenden offiziellen Untersuchung dann nicht um die Ermittlung der Täter geht, sondern allein darum, das Vorgehen der Polizei zu rechtfertigen. Für Juden in Deutschland und der ganzen Welt wird dieses Vorgehen zur Warnung: Es ist noch nicht vorbei!
Cornelia Lorentz bezieht sich dann in einem anschließenden Vortrag auf eine noch bekanntere Überlebende des Nazi Terrors. Die österreichisch-amerikanische Literaturwissenschaftlerin und Schriftstellerin Ruth Klüger. Auch sie überlebt den Holocaust nur mit sehr viel Glück und lebt als Displaced Person mit ihrer Mutter im bayerischen Straubing in der Amerikanischen Besatzungszone, wo sie ein Notabitur ablegt. Diese Jugend beschreibt sie in ihrer 1992 erschienenen und viel beachteten Autobiographie „weiter leben. Eine Jugend“. Darin reflektiert sie Erlebnisse aus ihrer Kindheit mit dem scharfen Verstand und dem schonungslosen Blick als Erwachsene. Dieses „Weiterleben“ kann nur und muss auch ein „Zusammenleben“ sein. Nur gemeinsam können wir dem latenten und sich ganz konkret zeigenden Antisemitismus entgegenstehen.
Endlich einen Schlussstrich unter das NS-Kapitel ziehen will allerdings ein Großteil der Deutschen zu dieser Zeit. Ann Bürgel verweist auf das Aufkommen und die große Beliebtheit der Heimatfilme in den Nachkriegsjahren. Man will sich dem Grauen und der Verantwortung kollektiv entziehen und es dauert 51 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs, bis dann der damalige Bundestagspräsident Roman Herzog im Jahr 1996 den 27. Januar als Holocaust-Gedenktag einführt. In seiner Rede begründet er dies wie folgt:
„Die Erinnerung darf nicht enden; sie muss auch künftige Generationen zur Wachsamkeit mahnen. Es ist deshalb wichtig, nun eine Form des Erinnerns zu finden, die in die Zukunft wirkt. Sie soll Trauer über Leid und Verlust ausdrücken, dem Gedenken an die Opfer gewidmet sein und jeder Gefahr der Wiederholung entgegenwirken.“
Für Dr. Markus Ocker ist das jährliche Erinnern essentiell. Vor allem deshalb, weil immer mehr Zeitzeugen sterben und nicht mehr aus erster Hand berichten können. Über 20 Jahre hat er zusammen mit Kolleginnen und Kollegen Zeitzeugen für diesen Gedenktag ans Schlossgymnasium eingeladen, oft waren es die bewegenden Berichte der Überlebenden und ihre erschütternden Schicksale, die den Schülerinnen und Schülern immer in Erinnerung bleiben werden.
Und es ist eben immer noch nicht vorbei. Wir alle sind Zeitzeugen eines Antisemitismus, der in allen Teilen der Gesellschaft wieder salonfähig zu werden droht. Es ist an uns allen, Margot Friedländers Mahnung in unserem Lebensalltag zu beherzigen und dafür einzustehen.

